Transformatives Coaching, Schamanismus und ich

von Rainer Molzahn


Transformatives Coaching Schamanismus

 

Dieser Artikel richtet sich in erster Linie an Fortgeschrittene im Kunsthandwerk des transformativen Coachings. Ich bin nämlich zögerlich, die Gedanken, die ich hier ausbreiten werde, mit absoluten Anfänger*innen in unserer Zunft zu teilen – einfach, weil ich verallgemeinernd unterstelle, dass die wohl eher an agilem Vorgehen, schnellen Ergebnissen und flüchtigen Nachwirkungen interessiert sind.

 

Um all das geht es mir nämlich nicht. 


Was ich hier gewähren möchte, sind eher Sneak Peeks in die ‚Hexenküche‘ der tiefen und nachhaltigen Veränderungsarbeit. Wenn ich Ihnen, liebe*r Leser*in, mit meinen Unterstellungen Unrecht tue, entschuldige ich mich. Fühlen Sie sich auf das Herzlichste eingeladen! 🤩 

 

Alles nahm seinen Anfang mit meiner Arbeit am Manuskript von ‚Transformatives Coaching – ein Weg zu Freiheit und Kreativität, zu Wirksamkeit und Verantwortung‘.  Es stellte sich nämlich im Denk- und Schreibprozess heraus (Corona-unterstützt), dass es bei allem Coaching, bei aller psychologischen oder auch spirituellen Hilfestellung letztlich immer um eins geht: Helfen, die existenzielle Frage ‚wie lebt man?‘ zu beantworten. 

 

Und gleich, während ich dies schreibe, stellt sich bei mir ein relativierendes ’Obacht!‘ ein: Es ist nicht gut, es verheißt nix Gutes, die psychologischen und die spirituellen Ebenen miteinander zu verschmelzen – während beide Ebenen in der Frage angesprochen sind. Davon bin ich fest überzeugt, und die ganzen Psycho-Gurus, so populär sie auch sein mögen, bestätigen mich darin: das Ergebnis der Verschmelzung von Diesseits und Jenseits kann nur in fortgesetztem Missbrauch, in Täter-Opfer-Drama und Leiden bestehen. Also in weiterer Spaltung. 

 

Es braucht – das ist das einstweilige Ergebnis dieses schon lange währenden inneren Dialoges – kundige Reiseführer*innen für die Zwischenwelten: für die vielschichtigen Sphären, die zwischen der profanen Alltagsrealität und der höchsten kosmischen Bewusstheit aufeinandergestapelt sind. Ich bin zutiefst überzeugt, dass ein Problem nicht auf derselben (logischen) Ebene gelöst werden kann, auf der es sich zeigt.

 

Man kann die Frage nach dem richtigen Leben nicht beantworten, indem man eine Verhaltensweise durch eine andere ersetzt.

Um das tun zu können, muss man mindestens eine Ebene höher klettern. Manchmal auch mehrere. Da kann es eine große Hilfe sein, einen kundigen Guide auf dieser Klettertour zu haben.

 

Das ist – bitte jetzt den Atem anhalten – genau der Beitrag, den in naturverbundenen Kulturen die Schaman*innen machen. Ist der wirklich so völlig anders als der, den wir als transformative Coaches versprechen? Ich merke, während ich dies schreibe, dass mir schwitzig wird und meine Schläfe pocht. Und das nach mehr als einem halben Jahrhundert Beschäftigung und Selbsterfahrung mit den Themen transformative Veränderung und Schamanismus! Vor welcher Grenze steh ich da also, und warum ist die so mächtig? 

 

Es ist natürlich die Grenze, die den öffentlichen Raum umzäunt, in dem unser professioneller und politischer Diskurs stattfindet. Wenn du da ernstgenommen werden willst, darfst du nicht zu exotisch daherkommen – und sowohl die Tiefenpsychologie als auch der Schamanismus sind nach allen Kriterien, die in unserer Kultur herangezogen werden, um den Grenzverlauf zu markieren, nicht öffentlichkeitsfähig. Dort regiert, fast nicht zu erschüttern, das Profane. Die Mächtigkeit für mich als transformativer Coach ist deswegen so ehrfurchtgebietend, weil das ‚Profanum‘ (wörtlich: der Bereich außerhalb des Tempels) nun mal die Heimstatt meiner Kundschaft ist, das Habitat der Normalen. Die Normalen, das sind Menschen, die hinreichend gut funktionieren, so dass man sich um sie nicht extra persönlich kümmern muss. Wer vergrault schon gerne seine Kundschaft, wer kann es sich überhaupt leisten?

 

Meine Kund*innen sind sie, seit ich mich vor mehr als 30 Jahren zu der Einsicht durchrang (die schon 20 Jahre mit mir geflirtet und in mir gearbeitet hatte…), dass in unseren merkwürdigen Zeiten nicht die ‚Verrückten‘ das Problem sind, sondern die Welt, in der sie leben müssen – um eine lange Geschichte kurz und knapp auf den Punkt zu ringen. In der Zwischenzeit ist nichts passiert, was mich von dieser Einsicht hätte abbringen können; im Gegenteil: die gegenwärtige transformative Krise, durch die wir in diesen Zeiten als Menschenkollektiv gehen (und die täglich sinnfälliger, ja, schriller wird), wird nicht von den Verrückten betrieben, sondern von den Normalen. Am allerschrillsten von der Normalsten der Normalen – denen, die die Normen setzen.

 

Die Normalen sind verrückt geworden.

In jüngster Zeit haben zwei Ikonen der Normalität sich in den sogenannten Weltraum aufgemacht, Richard Branson und Jeff Bezos – in der ebenso vermessenen wie albernen und betrügerischen Hoffnung, uns dazu zu bewegen, unseren Lebensstil beizubehalten und dafür lieber unseren Heimatplaneten zu verlassen. Und der Planet sagt: „danke!“. Und alles würde gut. Oh je.

 

Und daher meine Frage an mich selbst, und an alle, die diesbezüglich bei mir sind: Wie kann ich einen Beitrag leisten, der individuelle Normalität und kollektive Verrücktheit ‚ins Boot‘ nimmt? Der strickt, ohne sich zu verstricken? Der durch die Zwischenwelten des Lebens führt, ohne die Sphären zu verschmelzen? 

 

In den naturverbundenen Kulturen waren das ‚natürlich‘ die Schamanen, als Zeremonienmeister der Übergangsrituale von einer Lebensphase in die nächste. Immer im Rhythmus von Abschied, Gang auf den ‚Heiligen Berg‘ und Wiederkehr, meist verbunden mit einem neuen Namen …

 

In unserer postkulturellen Kultur, in der es kein Einverständnis mehr gibt über verbindliche Lebensübergänge, und noch weniger über die Rituale, mit denen wir sie feiern, ist genau dies der Beitrag des Transformativen Coachings:

  • Wir transformativen Coaches sind nicht von Beginn an die Zeremonienmeister*innen. Das Ausmaß unserer direktiven Prozessarbeit steigt von Grenze 1 bis Grenze 4. 
  • Wir sind bereit und geduldig genug, um auch im Kurzzeit-Prozess an Grenze 4 jederzeit an Grenze 1 zurückzugehen – also von vorn anzufangen.
  • Wir sind jederzeit darauf vorbereitet, dass unsere*e Transformand*in die Arbeitsbeziehung aufkündigt. Das macht einerseits demütig, andererseits sehr frei. Wir erwarten jederzeit das Schlimmste wie das Beste.
  • Wir verlieren uns nicht in den Komplikationen der Individualpsychologie, sondern behalten im Horizont, welchen Unterschied der Mensch, mit dem wir arbeiten, für die Welt zu machen hat. 
  • Wir lassen wieder los, wenn wir getan haben, was wir tun konnten, um Freiheit und Kreativität, um Wirksamkeit und Verantwortung zu befördern. 

 

Liebe Schamanen aller Kulturen weltweit, Kolleg*innen, fühlt euch gegrüßt!

 

Und ich? Und Sie?

 

Ich bin, glaube ich, mittlerweile so weit, lieber ein paar Kunden zu vergraulen, als mit dem tieferen Beitrag, den ich in unseren verwirrten und belasteten Zeiten leisten kann, völlig hinterm Berg zu halten. Das wäre unverantwortlich. 

 

 

Einen Gedanken, eine Frage möchte ich meinen initiierten Leser*innen hier noch hinterlassen, bevor ich das Thema demnächst vertiefe: 

Viele Kulturen unterscheiden, was die Positionierung ihrer schamanisch Tätigen angeht, zwischen ‚Heiler*innen‘ und ‚Krieger*innen‘

 

Wie sehen Sie sich?  


Person und Rolle im transformativen Coaching

Rainer Molzahn

 

Leiter der Coaching-Ausbildung, Leadership-Coach und Autor

 

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