SCHAM - ein wegweisendes Gefühl, wenn es um Identität geht

von Jeanne Thon 


SCHAM - ein wegweisendes Gefühl

 

Ich stehe akut an diversen Grenzen.

 

Ich bin Single, 55, befinde mich mitten in den Wechseljahren. Die jüngere meiner beiden Töchter macht gerade ihr Abitur und wird dann zum Studieren ausziehen. Mein Vermieter hat eine Räumungsklage wegen Eigenbedarf eingereicht.

 

Ich brauche also ein neues Zuhause und ein neues Leben. Vermutlich läuft es auf eine neue Identität hinaus. Das ahne ich schon länger. Nicht lustig.


Schmerz und Trauer über das Loslassen, das mir bevorsteht. Angst vor Einsamkeit und Leere. Mühe, Ruhe und Gelassenheit zu bewahren, um nicht AUSZUFLIPPEN.

 

Dabei helfen mir Menschen in meinem Umfeld, lassen Beziehungen spielen, damit ich eine schöne neue Wohnung finde. Eigentlich möchte ich lieber eine Gemeinschaft finden oder gründen, aber das geht halt nicht so schnell. Hab´s auch schleifen lassen. Naja. 

 

Also hatte ich diese Woche ein sehr freundliches Telefonat mit der zuständigen Mitarbeiterin einer Wohnungsbaugenossenschaft, die mir eine schicke 3 Zimmer Wohnung mit Balkon für bezahlbares Geld in Aussicht stellt. Da bin ich los und habe mir den Stadtteil und das Haus angesehen. Ein reines Wohngebiet. Typische Genossenschaftsbebauung. Viergeschossig. Ruhig. Auch Grünanlagen gibt´s. Eigentlich nicht übel. 

 

ABER: Was soll ich sagen? Die erste ungläubige Freude nach dem Telefonat wich vor Ort direkt einem - ja - Schock.

Ich war spontan eingefroren. Schlich nach Hause.

 

Zwei Tage später war ich nochmal dort, um zu prüfen, was da los ist. Es fühlte sich etwas heller an und blieb zugleich mulmig. Nachdem gestern den ganzen Tag lang ein dunkles Gefühl mein Sein beherrschte, bin ich dem heute auf den Grund gegangen. Innehalten. Reinfühlen. Spüren. Innere Bilder.  

 

Plötzlich ist es klar. Nicht Trauer, Schmerz, Angst. Nein. SCHAM. Das ist es! (1) 

Warum? Woher? Auch das liegt in aller Klarheit vor meinen staunenden Augen. Ich fühle mich dort, in dem Wohngebiet, verbannt, ausgeschlossen, nicht hin- und zugehörig. Ja, Himmel. Ich schäme mich, in einem Stadtteil zu wohnen, der mir nicht entspricht, meinem Niveau, meiner Schicht, meiner Blase. Herrgott. Was werden meine Kinder denken, meine Freunde? 

 

Welcher Teil von mir ist das denn? Wohl die, die Sätze glaubt wie: Ich habe mich angestrengt, Abitur gemacht, studiert. Jetzt habe ich es geschafft. Was eigentlich? Ich bin angekommen. Wo denn? Das habe ich verdient. Womit genau?  

 

Und während ich dies schreibe, schäme ich mich bodenlos für diesen Teil in mir. Das ist Arroganz, Hochstatus, Hochmut. 

Zugleich bin ich der Scham dankbar. Dieses ungeliebte, aber wegweisende Gefühl in mir zu erkennen, macht mich frei. Ich kann mich entscheiden, die alten Prägungen (Wenn du dich in der Schule nicht anstrengst und gute Noten hast, musst du Müllfahrer werden oder arbeitslos. Was so viel bedeutet wie: Dann gehörst du nicht dazu, bist kein Teil der -guten- Gesellschaft, stehst auf der Schattenseite des Lebens.) hinter mir zu lassen. Ich kann aufhören, das zu glauben. (2)

 

Ich kann mich entscheiden, meine Werte zu prüfen und neu zu gewichten. Hab ich ja schon.

Aber alte Muster, die unbewusst wirken, behalten ihre Macht.  

 

Also mache ich mich, sehr erleichtert, auf den Weg. Ich werde weiter und immer wieder Demut üben, Respekt, Liebe zu den Menschen. Ja. Das fühlt sich eher so an, als ob ich das bin.  

 

Jetzt kann ich es so denken: Es kommt nicht darauf an, wo ich wohne. Es kommt darauf an, wer ich bin, da, wo ich wohne.  

 

 

P.S.

Im Nachdenken über die Scham ist mir noch ein anderer Gedanke gekommen. Ich fürchte, dass wir als Menschheit kollektiv im Hinblick auf Artensterben, Klimakrise und die damit verbundenen menschengemachten Katastrophen eine riesige Scham empfinden für das, was wir da angerichtet haben. Weil dieses Gefühl dermaßen überwältigend und unaushaltbar ist, geschieht Verdrängung, funktioniert Abspaltung. Machen wir einfach weiter, statt aufzuhören.

 

Ich versuche jetzt bei mir, mit dem Aufhören anzufangen. 

1) Sehr hilfreich, um unklaren Gefühlen auf die Spur zu kommen, finde ich „Das große Buch der Gefühle“ von Udo Baer und Gabriele

    Frick-Baer im Beltz Verlag.  

 

2) Das „Aufhören“ zu üben finde ich eine wunderbare Idee. Die habe ich von Harald Welzer aus seinem Buch „Nachruf auf mich selbst.“

     S. Fischer Verlag 


 

Jeanne Thon

 

Coach und Mediatorin,

Assistentin in der Coaching-Ausbildung

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Rainulf Mukthai (Sonntag, 12 Juni 2022 19:31)

    Danke für diesen tief und weit blickenden 'Bericht der Türmerin': über dem Burggraben zwischen individuellem und kollektiven Prozess. Kann Scham eine Brücke sein?

  • #2

    Marcus Lärz (Dienstag, 21 Juni 2022 22:29)

    Sehr bewegt und dankbar für den nachdenklich machenden Beitrag. Oft präsent und noch öfter tabuisiert, die Scham. Danke auch für die Buchempfehlung.

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