Anders handeln: 5 Archetypen - Teil 1

von Rainer Molzahn


5 Archetypen in Transformationen - Teil 1

Der vorläufige Abschluss eines individuellen Veränderungsprozesses ist ein neues Verhalten, außen sichtbar für andere. 

 

Allerdings ist es auch an Grenze 5 gut, nichts blindwütig zu überstürzen: Handeln, ja natürlich. Unbedacht handeln, lieber nicht, denn ab jetzt wird es öffentlich – und damit wird es gefährlich.

 

Ebenso wie an Grenze 4 gibt es auch für das neue Handeln 5 Archetypen - die andere Seite der gleichen Medaille.


Machen wir uns klar: wenn wir handeln, produzieren wir Sinnesdaten für die anderen. Sowohl für die, an die unser Handeln sich richtet, als auch für die, die das mitbekommen und die vielleicht indirekt betroffen sind. Das heißt, dass jetzt unsere systemische Umgebung individuell und gemeinsam an Grenze 1 ihres Signalverarbeitungsprozesses steht. Wie da Aufmerksamkeit, Information und Bedeutung konstruiert werden, darüber haben wir keine Befehls- oder Entscheidungsgewalt, denn das liegt selbstverständlich in der Hoheit der anderen.

 

An Grenze 5 des transformativen Veränderungsprozesses müssen wir in unserer Rolle im öffentlichen Raum des Systems, das es angeht, den anderen Mitgliedern dieses Systems in deren Rollen gegenübertreten und Tacheles reden: unserem Beziehungspartner sagen, dass wir so nicht weitermachen wollen. Unserem Chef sagen, dass unsere Verfügbarkeit nicht unbegrenzt ist. Unseren Teamkollegen präsentieren, für welche Initiativen wir sie gewinnen möchten. Den Headhunter zurückrufen. Den Ehepartner zur Rede stellen. Für die eigene Wahrheit aufstehen, auch wenn sie unsere Rollen- und unsere persönlichen Beziehungen gefährdet.

 

Im schlimmsten Fall riskiert man hier seine Zugehörigkeit. Sobald nämlich ein Mitglied einer Gemeinschaft seine oder ihre Rolle nicht mehr spielt, ihren oder seinen gewohnten Beitrag nicht mehr leistet, steht potenziell eines des saftigsten interpersonellen Themen im Beziehungs-Raum, die es überhaupt gibt: Verrat.

 

Das gilt auf unterschiedliche Weise für die fünf Anlässe, die uns bewegen, uns an Grenze 4 zumindest temporär über unsere Rolle zu erheben, um dann zu handeln. Fünf Anlässe für die ‚private‘ Arbeit mit dem eigenen Selbstverständnis an Grenze 4

 

Fünf Anlässe für Verratsdynamiken, wenn wir als deren Ergebnis in den öffentlichen Raum unseres Systems treten und etwas anderes tun als bisher:

Verrat an der Komplizenschaft der Täter

Sich durch Flucht retten

Am kurzfristig schmerzfreiesten (wenn auch als schiere Handlung schon sehr aufregend) ist es vielleicht noch, wenn wir uns aus ethischen Gründen oder als Ergebnis unseres persönlichen Coming Out (oder aus einer Kombination beider Gründe) entschließen, unsere Mitgliedschaft selber aufzukündigen und zu flüchten. Dann bekommen wir eventuell nicht mehr mit, wie die Zurückgebliebenen über uns reden und urteilen – darüber, wie wir es uns erlauben konnten zu gehen, während sie bleiben mussten. In ihren Augen sind wir zu Tätern geworden, sie zu Opfern. Dass sie uns damit nicht konfrontieren können, weil wir weg sind, macht es nicht besser, und manchmal kommen sie damit noch Jahre oder sogar Jahrzehnte später auf uns zurück. Willi Brandt, sicher einer der bedeutendsten politischen Figuren der deutschen Nachkriegszeit, hatte Zeit seines politischen Lebens mit dem Anwurf zu kämpfen, er sei ein „Volksverräter“ – weil er als linker Sozialdemokrat vor den Nazis nach Norwegen geflüchtet war, um von dort aus gegen Nazi-Deutschland zu kämpfen.

Whistleblower werden

Wenn wir aus ethischen Gründen die große öffentliche Alarmglocke geläutet haben, wenn wir also zum Whistleblower geworden sind, dann können wir sicher sein, als Verräter nicht nur gebrandmarkt, sondern auch juristisch oder sonst wie mit allen Mitteln als Verräter verfolgt zu werden, die denen zur Verfügung stehen, deren Komplizenschaft wir aus Gewissensgründen aufgekündigt haben. Nirgendwo wird die Spannung zwischen unserem tiefen Bedürfnis, dazu zu gehören, und dem, was wir gemäß unserer eigenen Wahrnehmung, unserer eigenen Erkenntnis und unserer eigenen Werte als wahr und wichtig anerkennen, dramatischer spürbar als in der Verratsdynamik, die sich entfaltet, wenn wir an Grenze 5 unserer eigenen ethischen Wahrheit handelnd folgen. Muslimische Mädchen, #MeToo-Betroffene, Mafia- und Putin-Aussteiger, Missbrauchsopfer katholischer Priester und englischer Fußballtrainer, aber auch alle anderen, die die Pfeife geblasen haben und dann als Täter verfolgt wurden, sind unsere Zeugen, Whistleblower im Gefängnis.

Verrat an den Profiteuren des Status Quo - Innovativ werden

Nicht so vordergründig, aber doch in aller Brisanz angelegt ist die Verratsthematik, wenn wir versuchen wollen, eine Innovation, die wir als Person in der Abgeschiedenheit unserer Studierstube, unseres Labors oder unseres Ateliers ersonnen haben, in unserer Rolle der Welt zu zeigen. Nicht so vordergründig deswegen, weil die modernen kulturellen Umgebungen, in denen wir uns bewegen, im Allgemeinen nicht nur mit Innovation identifiziert sind, sondern diese oft geradezu hysterisch vergötzen – siehe den Großteil der Slogans und ‚Claims‘, mit denen sich Unternehmen im globalen Wettbewerb positionieren. Aber das ist natürlich alles nur PR. Jede Innovation, die in Frage stellt, was bislang auch nur einigermaßen erfolgreich und Konsens war, ist potenziell Verrat.

 

Das ist das Galileo-Epos: Galileo Galilei konnte sich, wie wir wissen, nur vor dem Ketzerei-Vorwurf retten (Ketzerei ist die allerschlimmste Variation des Verratsthemas), indem er sich von der Wahrheit, die er zweifelsfrei gefunden hatte, distanzierte und alles zurücknahm. Descartes, der das mitbekam, veröffentlichte seine epochale ‚Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung‘ verspätet und anonym aus dem niederländischen Exil. Darwin hielt aus der vollkommen berechtigten Sorge, als Ketzer und Verräter geächtet zu werden, sein Manuskript von ‚Der Ursprung der Arten‘ zehn Jahre unter Verschluss, bevor es 1849 herausbrachte. Sigmund Freud wurde zeitlebens vom akademisch-psychiatrischen Mainstream geächtet, nachdem er die Methodologie der Psychoanalyse entwickelt hatte. Noch 1974, ein Jahr nach der ersten Ölkrise, musste sich René Dumont, einer der Urheber des Umweltbewusstseins in den westlichen Industrieländern, in den Medien damit konfrontieren lassen, er „verrate die Zivilisation“. Dumont war gelernter Agronom, weltweit in der Entwicklungshilfe tätig, und sah sehr klar die Folgen, die unsere Art der Wirtschaft, insbesondere der Landwirtschaft, für die Erde hat, und damit für alle, die von der Erde leben müssen, und damit für alle. Er war die erste ‚grüne‘ Wissenschaftler, der Politiker wurde. 1974 trat er, auf Bitten und Einladung von jungen Repräsentanten der gerade entstehenden grünen Bewegung in Frankreich, im Präsidentschaftswahlkampf gegen Francois Mitterand und Giscard d’Estaing an und schied mit 1,32% der Stimmen aus. 1998 gründete er übrigens mit anderen zusammen Attac.

 

Jede Innovation, die ihren Namen rechtfertigt, gleich, welcher Art sie ist, hat das Potenzial, eine Verratsdynamik loszutreten, sobald wir sie an Grenze 5 mit denen teilen, die von ihr betroffen sind. Auch wenn sie nicht so spektakulär und epochal ist wie die oben referierten Beispiele. Es reicht, wenn sie infrage stellt, wie die Dinge bisher liefen, denn das ruft alle auf den Plan, die davon profitieren, dass die Dinge so laufen wie bisher. Wenn das die Mächtigen und/oder die Mehrheit sind, ist das Verratsdrama schon geskriptet. Und das kann uns, schneller als wir uns vorstellen mögen, in ein neues Loop des 5-Grenzen-Prozesses bis hin zur Frage ‚wer bin ich‘ befördern. Denn wir sind an Grenze 5 sehr verletzlich. Weil wir Neulinge sind. Blutige Anfänger.

Verrat an der Komplizenschaft derer, die Innen und Außen (noch) nicht unterscheiden können

Auch wenn es an Grenze 5 unseres Transformationsprozesses darum geht, dass wir als Person, und zunächst wahrscheinlich ohne weitreichende Gedanken über unsere Rolle, ‚rauskommen‘ – nicht unbedingt in Bezug auf unsere sexuelle Identifizierung, sondern immer, wenn wir beginnen, eine Seite von uns zu zeigen, die wir bislang unter Verschluss gehalten hatten – ist ein Potenzial zur Verratsdynamik angelegt. Wenn wir, vielleicht nach Jahren innerer Auseinandersetzung, schließlich den erhabenen Mut finden zu sagen: „Seht her, so bin ich!“, dann fühlen sich eventuell alle von uns verraten, die, wie wir früher auch, in stummer Komplizenschaft darin verbunden sind, nicht wirklich sie selbst zu sein. Das ist mit einiger Wahrscheinlichkeit die Mehrheit. Wenn diese Mehrheit zum Opfer des Verrats an ihrer Komplizenschaft wird, werden wir, gerade erst dem Opfersein entronnen, zum Täter, und der Richterspruch, vielleicht stumm, vielleicht laut, heißt schlimmstenfalls Ächtung, heißt Verbannung. „Du bist keiner mehr von uns.“ Höchststrafe. 

 

Aber selbst, wenn diese Höchststrafe nicht explizit verhängt wird, stellt sich für uns an dieser Stelle oft die Frage, wie viel echtes Zugehörigkeitsgefühl noch übrig bleiben kann zu einer Gemeinschaft, deren Mitgliedschaft ganz offenbar erkauft werden muss um den Preis, in wesentlichen Aspekten nicht wir selbst zu sein. Und daraus ergibt sich dann nahtlos die Frage, ob die Rolle, die wir bisher gespielt haben, wirklich die ist, die uns weiterhin gemäß sein kann, nachdem wir nicht nur uns selbst, sondern auch den anderen gegenüber mit unserer eigenen Wahrheit rausgekommen sind. Und aus unserer Antwort auf diese Frage ergibt sich weiterhin die, ob wir, um wirklich den uns entsprechenden Beitrag leisten zu können, nicht Mitglied eines anderen Clubs werden sollten, der diesen Beitrag wirklich braucht und anerkennt. Oder ob wir im ärgsten Fall, wenn es einen solchen Club nämlich noch nicht gibt, unseren eigenen gründen müssen …  

Weiter geht es im nächsten Beitrag mit den beiden Verratsdynamiken "Verrat an der Komplizenschaft der Opfer" und "Verrat an den Hoffnungen der Getreuen" ... jetzt lesen

Dieser Text ist ein Auszug aus der Buchreihe "Transformatives Coaching und Mentoring".


Person und Rolle im transformativen Coaching

Rainer Molzahn

 

Leiter der Coaching-Ausbildung, Leadership-Coach und Autor

 

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